Ein Hund, der vor Angst nicht mehr weiterlaufen will. Der Mensch trägt ihn ein Stück oder passt den Spaziergang an. Eine Mail dazu hat mich zu der Episode inspiriert, die Du hier hörst – und zu diesem Artikel.
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Mehr InformationenVorweg, damit kein Missverständnis entsteht: Ich finde es richtig, einem Hund in einer Situation zu helfen, die er gerade nicht meistern kann. Ich bin Fan von Social Support. Einen Hund in solchen Momenten allein zu lassen oder ihn „abhärten“ zu wollen, ist für mich in erster Linie asozial. Wer soll ein sozialer Weggefährte sein, wenn nicht wir?
Trotzdem bleibt eine Frage offen: Passiert das Tragen, das Anpassen des Spaziergangs wirklich nur manchmal? Oder ist es die feste Lösungsstrategie? Wenn es die Lösungsstrategie ist, ist es auf Dauer kontraproduktiv.
Was passiert, wenn wir nur reagieren
Unsere Hunde haben sich unser Leben nicht ausgesucht. Wir haben sie in unseren Alltag geholt – mit allem, was an Wohnung, Stadtteil, Umfeld dranhängt. Manchmal reicht dieser Kulturschock, um selbst den entspanntesten Hund vollkommen aus der Bahn zu werfen.
Damit übernehmen wir Verantwortung dafür, so viel wie möglich Wohlbefinden in das Leben unseres Hundes zu bringen. Wohlbefinden heißt: Der Hund findet sich in seinem Alltag zurecht, kann Bedürfnisse stillen, hat möglichst viele angenehme Momente – und kann dabei mitbestimmen.
Genau dieser Punkt, die Mitbestimmung, ist kein besonders bedürfnisorientierter Gedanke von mir, sondern ein eigener Begriff aus der Tierwohl-Forschung: Agency. Wahl- und Kontrollmöglichkeiten über das eigene Handeln sind Teil der Stressbalance. Je weniger Kontrolle ein Individuum über das eigene Leben hat, desto höher die Stressbelastung.
Wenn wir einen Hund also zwar unterstützen, sobald er überfordert ist, ihm aber nicht gleichzeitig Gelegenheiten geben, selbst mit der Situation zurechtzukommen, fehlt genau dieser Teil. Wir helfen – und halten ihn dabei gleichzeitig klein und abhängig.
Was Training für mich bedeutet
Training ist für mich die gezielte Gestaltung von Bedingungen, um sichtbare und messbare Veränderungen im Verhalten des Hundes zu erreichen – über Lernprinzipien, nicht über Zufall.
Das heißt ausdrücklich nicht: eine Aneinanderreihung von Übungen, bis der Hund perfekt sitzt, bei Fuß geht oder zurückkommt. Training bedeutet für mich, die Lücke zu sehen zwischen dem, was ein Hund im Moment zeigt, und dem, was er im Alltag eigentlich bräuchte – und diese Lücke gezielt zu schließen.
Trainierbar ist zunächst konkretes Verhalten: Komm zu mir. Setz Dich. Bleib stehen. Dahinter steckt aber immer mehr: Wir können auch trainieren, dass ein Hund bei Überforderung von sich aus zu uns kommt oder stehen bleibt – als Kommunikationsmittel dafür, dass er Unterstützung braucht. Und wir können über Training emotionale Bewertungen verändern: Aus „das überfordert mich“ wird „das kann ich einordnen, ich habe eine Strategie dafür“.
Werkzeuge sind Mittel zum Zweck – nie die Lösung
Damit das gelingt, braucht es Werkzeuge. Werkzeuge sind Hilfsmittel, mit denen ich das Verhaltensrepertoire erweitere, gezielt an Kompetenzen feile oder systematische Veränderungen herbeiführe. Sie sind Mittel zum Zweck. Sie sind keine Lösung, sondern Dinge, die uns auf dem Weg zur Lösung helfen – etwas, das wir immer wieder zur Hand haben, um den Hund zu unterstützen, und das wir als Strategie nutzen können.
Ein Beispiel aus meiner aktuellen Werkzeug-Serie im Newsletter: die isometrischen Übungen. Ursprünglich aus der Physiotherapie, lassen sie sich ganz unterschiedlich einsetzen – als Angebot für sozialen Support, um Erregung runterzufahren, oder als trainiertes Signal: Lehn Dich an meine Hand, hol Dir hier Unterstützung, bleib an diesem Ort.
Auf den Fall aus der Mail übertragen: Tragen oder den Spaziergang anpassen verändert die Situation. Es hilft dem Hund aber nicht dabei, mit dieser Situation künftig besser zurechtzukommen. Ein trainiertes Werkzeug – etwa Anlehnen als Ort, an dem sich der Hund Sicherheit holen kann – kann das. Vorausgesetzt, der Hund hat das vorher, außerhalb der schwierigen Situation, als etwas Angenehmes erfahren.
Die eigentliche Frage
Reagierst Du, wenn Dein Hund etwas hat? Oder sorgst Du parallel dafür, dass er lernt, mit Anspannung und Herausforderungen umzugehen – und dabei mitbestimmt?
Der Unterschied zu „der Hund muss da durch“ ist nicht, ob wir helfen. Wir helfen, wenn er es braucht. Der Unterschied ist, ob wir zusätzlich Training planen, in dem der Hund mitgestaltet und lernt, solche Situationen selbst zu meistern. Nur so wächst er Stück für Stück in unseren Alltag hinein – statt dauerhaft auf unsere Regulation angewiesen zu bleiben. Helfen ohne dieses Training ist am Ende genau das: Helfen und Klein-Halten gleichzeitig.
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